Benachteiligung von Frauen

Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und im Betrieb

von Iryna Spektor

8. Bilden Frauen die Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt?

Bislang wurden Zu- und Abgänge aus der Stillen Reserve und anderen arbeitsmarktrelevanten Gruppen in einem Vier-Jahres-Längschnittvergleich überprüft[17]. Nun wäre es denkbar, dass sich – gemäß der Annahme des Abbaus der Stillen Reserve im Aufschwung und ihres Aufbaus im Abschwung am Arbeitsmarkt – gerade jene Frauen, die in der Aufschwungsphase eine Beschäftigung gefunden hatten, sich als secondary workers in der Phase der Arbeitsmarkteintrübung wieder vom Arbeitsmarkt zurückziehen.

Die Unterstellung, dass es sich bei solchen Rückzügen vom Arbeitsmarkt, die vor allem während der ersten Arbeitsmarktkrisen in Deutschland stattfanden, um ein „freiwilliges" Verhalten der secondary workers (zumeist Ehefrauen) handelt, wurde im Zuge der erstarkten Frauenbewegung von Ende der 1960er Jahre und stärker noch in den 70er und 80er Jahren kritisiert[18]. Insbesondere Ehefrauen würden vielmehr als „Reservearmee am Arbeitsmarkt" behandelt, die in Zeiten der Hochkonjunktur angeworben und in Krisenzeiten „unfreiwillig" wieder an Heim und Herd entlassen würden, um arbeitslosen Männer Platz zu machen[19]. Männer würden im Kampf um knappe Arbeitsplätze zu aktiven „Verdrängern" von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Diese These wurde mit der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen immer weniger vertreten. Die Empirie zeigte damals, dass die Entlassung von Frauen das Problem darstellte, sondern vor dem Hintergrund des gestiegenen Arbeitsangebot die Schwierigkeit, überhaupt einen (neuen) Arbeitsplatz zu finden[20]. Im Zuge neuer Flexibilitäten am Arbeitsmarkt (Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung) haben sich jedoch die Chancen verbessert, ein Beschäftigungsverhältnis zu finden.

Eine hohe Arbeitsmarktbindung erwerbstätig gewordener Frauen bestätigt sich auch in der nachfolgenden Längsschnittuntersuchung über einen 8-Jahres-Zeitraum. Hierzu wurde die Population auf die 16- bis 54jährigen eingeschränkt, um Verrentungseffekte im Beobachtunszeitraum einzuschränken. In die Untersuchung einbezogen wurden jene Frauen, die 1988 entweder in de Stillen Reserve oder bei den Nichterwerbspersonen waren und 1992 einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Geprüft wurde, wie viele von ihnen 1996 wieder in der Stillen Reserve oder bei den Nichterwerbspersonen anzutreffen waren.

Das Ergebnis mag überraschen: etwa vier Fünftel der Frauen, die 1992 erwerbstätig wurden, waren auch vier Jahre später noch unter den Erwerbstätigen zu finden.(Tab.1) Zumindest was den Austausch derselben Personen über den betrachteten Zeitraum betrifft, kann die These, dass Frauen die Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt darstellen, mit dieser Analyse nicht bestätigt werden.

Erwerbsstatus von Frauen

Tab.1 Stabilität und Veränderung des Erwerbsstatus von Frauen nach acht Jahren; Längsschnitt 1988/1986, Deutschland (SOEP)[21]

Arbeitsmarkt Berlin

[17] Vgl. Holst, Elke; Die Stille Reserve am Arbeitsmarkt, Sigma; Berlin 2000; S.222

[18] Pust et al. 1983; S. 51

[19] Vgl. Dobberthien 1977; S.521

[20] Vgl. Friedmann, P., Pfau, B; Frauenarbeit in der Kriese-Frauenarbeit trotz Kriese? Korrekturversuch an einem arbeitsmarkttheoretischen Allgemeinplatz, Liviathan 1985

[21] Quelle: SOEP 1988, 1992, 1996; eigene Berechnungen